Beton oder Bett

In Kürze folgt hier auch was für die Ohren…

„Es ist nicht nur legitim, es ist sogar notwendig, fremdes Eigentum in Beschlag zu nehmen, wenn geflüchtete Familien auf kaltem Beton übernachten müssen,“ so die Antwort eines Aktivisten auf die Frage eines Journalisten auf der Pressekonferenz im besetzten City Plaza Hotel im Zentrum Athens.

Das City Plaza Hotel ist der jüngste Baustein im Netzwerk der autonomen Flüchtlingsversorgung in Griechenland und bietet derzeit Platz für rund 400 Geflüchtete. Das Haus, unmittelbar neben dem Viktoria- Platz, auf welchem sich täglich hunderte Geflüchtete treffen, stand nach dem Konkurs sechs Jahre leer bevor es im späten April von einem Bündnis aus linken und autonomen Gruppen sowie AktivistInnen besetzt wurde. Die Einrichtung ist verstaubt aber noch komplett, Strom und Wasser wurden wieder angeschlossen. Das ehemalige Hotel- Personal zeigt sich solidarisch mit dem Projekt, was bemerkenswert ist, da das Inventar den Angestellten als Pfand für zwei Jahre ausstehenden Lohn zugesprochen wurde. Hunderte Menschen beteiligen sich aktiv an der Gestaltung und Organisation der neuen Unterkunft. Dabei werden Geflüchtete von der ersten Minute an eingebunden. Die Mitarbeit bzw. Selbstorganisation der Zufluchtsuchenden ist Teil des Konzepts welches sich in Griechenland breit macht, das aber spätestens seit Beginn der Krise 2008 auch für die hier Lebenden ein recht gängiges Modell ist. Etwa 1.200 Geflüchtete sind derzeit in Athen in besetzten Häusern untergebracht. Ein Großteil davon im Stadtteil Exarchia, einem Viertel in welchem der Widerstand gegen Autoritäten Geschichte hat. Solidarische Menschen helfen wo es geht, stellen aber klar, dass sie keine Charity- Organisatoren sind. Menschen soll aus einer Position der Ohnmacht geholfen werden, um ein gleichwertiges Miteinander zu ermöglichen. Auf soziale Inklusion wird von der ersten Minute an Wert gelegt. Ein schwieriger Prozess dessen Rädchen oft quietschen und kreischen. Hier scheint es jedoch der einzig gangbare und humanitäre Weg zu sein.

In Griechenland sind derzeit etwa 60.000 geflüchtete Menschen gestrandet. Für die Zufluchsuchenden gibt es kein Weiterkommen mehr. Die Grenzen sind dicht und die Politik des abschreckenden Missstands verursacht eine humanitäre Krise, deren Auswirkungen noch weitreichend sein werden. Die improvisierten Lager sind überfüllt. Menschen werden ihrer Freiheit beraubt, auf engstem Raum zusammengepfercht und ihren Vergangenheits- und Zukunftsängsten überlassen. Viele bekamen noch keine Möglichkeit um Asyl zu beantragen. Einige Personen wurden abgeschoben, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatten Asyl zu beantragen.

Die Versorgung der Lager ist schwer mangelhaft und führt zu Unruhen. Aus diesen Gründen wurde etwa das Hotspot- Gefängnis auf der Insel Chios teilweise geöffnet. Auch in den großen Lagern in Athen ist die Situation außer Kontrolle. Am alten Flughafen in Elliniko hausen etwa 4.000 Menschen, dieses Lager war eigentlich für 700 Menschen ausgelegt. Rund 1.000 Geflüchtete traten dort nach Auftreten der Ruhr in Hungerstreik um gegen die miserablen Zustände der Unterbringungen und die Aussichtslosigkeit ihrer Lage zu demonstrieren. Weiterhin werden Menschen aus dem wilden Camp am Hafen von Piräus nach Elliniko zwangsumgesiedelt um das Hafenbild für die Tourismussaison wieder zurechtzurücken. Tausende Schutzsuchende, unter ihnen viele Babys und Senioren, ziehen es vor auf der Straße zu leben und können nur notdürftig von freiwilligen Helfern und NGOs  versorgt werden. Die Situation ist aufgeladen, täglich kommt es zu Auseinandersetzungen unter den Geflüchteten und mit Sicherheitskräften. Besonders auf den ägäischen Inseln macht sich zunehmend auch eine rassistische Bewegung breit. Auf Chios werden seit Wochen geflüchtete und solidarische Menschen verfolgt. Es gab Brandanschläge und umherziehende Mobs die AktivistInnen verprügelten. Die Reaktion der Polizei richtet sich jedoch nicht gegen gewalttätige Rassisten, sondern die Geflüchteten und AktivistInnen selbst. So gab es zahlreiche Verhaftungen und Misshandlungen wie etwa am Polizeiposten am chiotischen Hafen.

Der Staat und die Europäische Union versagen auf ganzer Linie und müssen nicht nur dem Vorwurf Unterlassener Hilfeleistung schuldiggesprochen werden. Nur durch eine lange nicht dagewesene solidarische internationale Bewegung und mittels Mobilisierung tausender UnterstützerInnen, welche sich in NGOs oder autonomen Netzwerken organisieren, konnte das Ausmaß der Katastrophe geringer gehalten werden. Dennoch ist der Burggraben Europas weiterhin die tödlichste Grenze der Welt. Unter dem Argument, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, fungieren die Regierenden als Blockierer und Repressionsorgane und illegalisieren Solidaritätsarbeit. Anstatt an einer Gleichgewichtung des Wohlstands zu arbeiten, stellen sie sich quer und gehen Hand in Hand mit der aufflammenden radikal rechten Bewegung Europas, die nicht nur längst salonfähig geworden ist, sondern nach der Macht greift. Was uns bleibt, ist auf verschiedensten Ebenen dagegenzuhalten und an einer solidarischen sowie zukunftsfähigen Gesellschaft zu arbeiten.

Jodokus, Griechenland 2016

 

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